Die Edith Stein Gesellschaft Österreich beging Gedenken zum 80. Jahrestag Steins Aufenthaltes in Wien. Gerl-Falkovitz, Frau und Religionsphilosophin, plädiert „für Berufsausbildung und Berufsausübung für Frauen vor einer Heirat“.

Die Festveranstaltung der „Edith Stein Gesellschaft Österreich“ (ESGÖ) rief Freunde und Verehrer des Erbes von Edith Stein am 19.11.2011 aus Österreich und angrenzenden Ländern in Wien zusammen. Der Teresianische Karmel in Österreich hat die Veranstaltung im Programm zu seinem „Edith Stein Gedenkjahr 2011/2012“ auch angekündigt. Vertreter des Ordens arbeiten am Aufbau der Edith Stein Gesellschaft in Österreich mit.

EB Alois Kothgasser feierte mit Freunden und Mitarbeitern der in Aufbau befindlichen Edith Stein Gesellschaft Österreich eine Festmesse in der Schottenkirche. Gut 150 Leute, aus allen Gesellschaftschichten, Verheiratete und Ledige, Ordensleute und Priester fanden sich zusammen um der „Jüdin, Philosophin, Karmelitin, Patronin Europas zum 80. Jahrestag ihres Aufenthaltes in Wien (Ende Mai bis 13. Juni 1931) zu gedenken, stellte Dr. Bernhard Augustin in seinen Begrüßungsworten zu Beginn der Feier heraus. Mit EB Alois Kothgasser feierten Provinzial P. Paul Weingartner OCD, Prior P. Roberto OCD, P. Gerhard Huber FSO, Studentenseelsorger in Wien, KHG Ebendorferstrasse, und Dr. Bernhard Augustin, Bildungszentrum Juvavum, Salzburg, die hl. Messe.

EB Kothgasser ging in seiner Predigt ausführlich auf das facettenreiche Leben Steins und der Bedeutung des Zeugnisses einzelner für Christus in unserer Zeit ein. „Auch unsere Zeit braucht solche Zeugen“ ermunterte der Oberhirte die Gläubigen, mit ihrer Überzeugung für Christus im öffentlichen Leben nicht hinter dem Zaun zu halten.

Der außerordentlich gut besuchte Vortragsteil der Festveranstaltung im Palais Niederösterreich brachte für alle Zuhörer aufschlussreiche Einblicke in das Wirken und die Wirkkraft Steins. EB Kothgasser begrüßte in seinen einführenden Worten den Aufbau der Edith Stein Gesellschaft Österreich. Er stellte das „Erinnern“, das die ESGÖ wachhalten möchte, als eine für die Gestaltung der Zukunft wirksam werdende Geistestätigkeit heraus und rief den Begriff der griechischen „Anámnesis“ auf, der in der Gedächtnisfeier des Todes Christi in der hl. Messe in der Kirche seine ganze Fülle erhält.

Die Einführung zum Aufenthalt Steins in Wien 1931 brachte viele Details aus dem Leben der Heiligen zu Tage und einen Einblick in die Bedeutung der Bildung und der geistlichen Leitung, um christlich zu leben und in der Gesellschaft für das Reich Gottes zu wirken. „Die Stimme des Herzens gibt nicht immer untrügliche, nicht immer unzweideutige Antwort auf alle Fragen und Zweifel“ zitierte Augustin aus dem Vortrag Steins über die hl. Elisabeth von Thüringen, Natur und Übernatur in der Formung einer Heiligengestalt“ vom 30. Mai 1931 in Wien zur Feier des 700. Todestages der hl. Elisabeth.

Gerl-Falkovitz arbeitete in ihrem Festvortrag das Bild einer Frau heraus, die frei ist und sich frei fühlt, bei. Den Schwächen der heutigen Gender-Mentalität, hielt sie die „Stabilisierung zur Selbstsicherheit der Frau“ entgegen. Erst so könne eine Frau „ihre Eigenart entdecken und voll entfalten“. Dazu bedürfe es immer des Einwirkens von Außen. „Am Du gewinnt sich das Ich, das erst erlaubt Hingabe“. Um sich selbst zu gewinnen, riet Gerl-Falkovitz im Einklang mit den phänomenologischen Ausführungen Steins für eine Frau „unbedingt vor einer Heirat einen Beruf zu erlernen und auszuüben“.

Zur Weiblichkeit gehört wie allgemein für jede echte Ausprägung der Menschlichkeit, dass sich der Mensch nicht allein selbst konstituiert. Die Selbstbestimmung der Frau braucht „die Konfrontation und die geschieht durch jenes Tiefste, das als jemand wahrgenommen wird“. Die Forderung feministischer Aktivistinnen heute nach „Selbstbestimmung der Frau“ als Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen führt aus dieser Sicht in gesellschaftliche Abhängigkeit unter einem bestimmten Aspekt: beispielsweise als Arbeitskraft, als Lustobjekt, als Gefährtin. Selbstbestimmung ohne Konfrontation mit der eigenen Tiefe gefährdet die Frau. Hingegen eine solide Bildung des Gemütes, die durch eine Schärfung des Verstandes zB durch das Lernen oder Studieren von Mathematik gefördert wird, kann die Selbständigkeit der Frau sichern und bringt eine wahre Freiheit, die selbständig ausgeübt wird. Das gehört einfach zur Weiblichkeit: eine Eigenart zu haben. Nur wer frei ist, kann eigentlich Frau sein.

In der anschließenden Fragerunde konnten noch die Stellung Steins zu Siegmund Freud, „den sie gelesen und verarbeitet hat“ (Gerl-Falkovitz), das Schicksal der übrigen Familienmitglieder der Steins nach dem Nazi-Deutschland sowie die Motivation des Märtyrertodes Steins für Christus beleuchtet werden.

Die Veranstaltung wurde musikalisch durch Fagott-Stücke österreichischer Komponisten jüdischer Herkunft (Erich Zeisl, Hans Apostel, Egon Wellesz) umrahmt, die während der NS-Zeit nicht aufgeführt werden durften. Darstellerin war die Solo-Fagottistin Lynn Gaubatz aus den U.S.A., die sich auf die Aufführung solcher Musik spezialisiert hat.

Wien, 20.11.2011/BA


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