Edith Stein in Wien
1931 – 2011
Dr. Bernhard Augustin

Geschätzte Frau Professor Gerl-Falkovitz!
Hochw. Herr Erzbischof!
Geschätzte Förderer des Erbes Edith Steins in Österreich! Sehr geehrte Festgäste!

Erlauben Sie mir zu versuchen, sie geschätzte Zuhörer zu jenem 30.05.1931 hinzuführen, der heute hier an diesem großartigen Ort, dem Palais Niederösterreich, wieder auflebt. Der Versuch besteht darin, in Worte zu fassen, was damals 1930 so bedeutend gewirkt wurde, dass wir uns 2011, 80 Jahre später, aufgerufen fühlen, hier am selben Ort zusammen zu kommen und uns - beflügelt durch den „genius loci“ - darüber zu unterhalten, uns mit diesem Erbe zu beschäftigen. Es ist hilfreich für diesen Versuch, uns an drei Fragen zu orientieren. Wer? Was? Warum?
Ich beginne mit dem Warum. Mir ist von Anfang an bewusst, dass eine erschöpfende Antwort darauf nie möglich sein wird, ja selbst das Bemühen, klar und eindeutig darauf eingehen zu wollen, stößt sofort an Grenzen. Möglicherweise werden wir gerade an diese Frage (Warum hat sich ES so ins Zeug geworfen, ist nach Wien gekommen, etc.) heute viele weitere Fragen für uns selber aufwerfen. Ich lade sie schon jetzt ein, für ein anschließendes Gespräch, bereichert durch die Ausführungen von Frau Prof. Gerl-Falkovitz, sich diese Fragen zu notieren und zur Bereicherung für alle Teilnehmer dann zu stellen.
Die Frage „Warum“ weist einfach unzählige Aspekte auf. Ausgehend von den äußeren Umständen, soweit wir sie aus verfügbaren Dokumenten und Zeugnissen kennen, ist zu sagen, dass Edith Sein zu dieser Zeit mit Vorträgen zum Thema Frau regelrecht durch Europa „tourte“ (on tour, wie Hubert von Goisern in unserer Zeit für die europäische Kulturhauptstadt Linz 2009 unterwegs). Edith Stein, eingeladen zum Dritten Österreichischen katholischen Frauentag vom 26. bis 31.05. 1931, hielt sich zwei Wochen(1) in Wien auf.

Diesen konkreten, äußeren Umständen liegt etwas davor, ein weiterer Aspekt des „Warum“, den wir in der Biographie Edith Steins finden. Generalvikar Prl. Schwind bis 1927 und Erzabt Raphael Walzer, denen sich Edith Stein ab 1928 in Fragen des inneren Lebens und der äußeren Wirkkraft ihres christlichen Geistes anvertraute, rieten ihr - in großer Ehrfurcht vor dem Wirken Gottes in der Seele - , sich nicht ins Kloster zurückzuziehen, sondern in der Öffentlichkeit zu wirken und dort die Talente auf der „Wechselbank des Lebens“ einzusetzen. Obwohl sie Sehnsucht nach dem Klosterleben zeigte, folgte sie der geistlichen Leitung auf diesem Weg, die individuellen, reichen Talente, die der Herrgott ihr verliehen hatte, durch Vorträge und Veröffentlichungen zum Heile vieler fruchtbar zu machen.(2) - Und sie gehorchte diesem Rat mit innerer Überzeugung, hielt sich frei und aktiv daran! Der Aufenthalt Edith Steins und ihr Vortrag zum Thema „Elisabeth von Thüringen. Natur und Übernatur in der Formung einer Heiligengestalt“ in Wien möchte, so können wir das aus den biographischen Notizen von Edith Stein für uns heute erschließen, Früchte des Heils für viele bringen. Diese Früchte reifen im Heute unserer Tage – so möchte ich das Werden der Edith Stein Gesellschaft Österreich und ähnlicher Bemühungen in anderen Ländern auch einordnen, ohne die Bedeutung einer solchen Gesellschaft über zu bewerten – reichlich heran.
[Also ich fasse das Warum zusammen: in der Öffentlichkeit wirken; Wirkungen hervorbringen, die dem Menschen nachhaltig helfen]
Was? Auch diese Frage, was die Tage Edith Steins in Wien ausgefüllt hat, führt zu einer Antwort in mehreren Dimensionen. Aus dem veröffentlichten Texten der Briefe und des Vortrages, den sie gehalten hat, geht hervor, dass sie nach zwei Wochen Aufenthalt am 13.06.1931 Wien wieder verlässt. In der Öffentlichkeit tritt sie in dieser Zeit des Aufenthaltes nachweislich nur mit dem Vortrag über Elisabeth von Thüringen auf. Über die Tagung aus Anlass der 700-Jahr Feier des Todestages der hl. Elisabeth von Thüringen als auch über den Vortrag von Dr. Edith Stein wird in der Presse mehrere Tage spaltenlang berichtet.

Abseits von der Öffentlichkeit sucht Edith Stein in diesen Frühsommertagen den Umgang mit Bekannten, Freunden und nimmt als engagierte Frau am gewöhnlichen kirchlichen Leben teil. Sie wohnt die überwiegende Zeit bei der Familie von Prof. Dr. Rudolf Allers, in der Dittesgasse 32 (3). Dazu gibt es den anekdotischen Bericht von Oda Schneider, die dort von Edith Stein lebendige Eindrücke mitgenommen hat. Später, nach dem Tod ihres Mannes wird Oda Schneider Karmelitin.

In die Zeit des Wien-Aufenthaltes fällt das Pfingstfest, das Edith Stein bei den Steyler Missionaren in Mödling mitfeiert. In lebendiger Anteilnahme an der Liturgie der Kirche und dem wohlwollenden Bemühen, die damalige liturgische Bewegung zu fördern, nimmt sie intensiv an den liturgischen Feiern dieser Tage teil. Sie nimmt sogar im Kloster Quartier, um ganz nahe am Geschehen zu sein.
[Wenn ich wieder sammle: Was hat die Tage ausgefüllt: Begegnungen; 1 öffentlicher Vortrag; Liturgie]
Ich komme zur dritten Frage, Wer?
Wessen wir heute gedenken, das ist zweifellos Edith Stein, die ihre Auffassung von der Frau, anhand einer äußeren und inneren Skizze über Elisabeth von Thüringen darlegt, der sie damals zum 700. Todestag gedachten. In der Kürze meiner Darlegung sind nur Eckpunkte möglich, die aber ein klares Profil hervortreten lassen. Dieses Profil möchte ich an wenigen Punkten skizzieren:

  1. Das Kind [=Elisabeth] „das durch die ungezähmte Glut seines Herzens, die alle Dämme durchbrach“ (4) den anderen nicht unsympathisch, aber fremdartig erscheint unter den deutschen Gespielinnen, fremdartig auch durch seine äußere Erscheinung.
  1. Der sichtbare Lebensweg dieses Menschenkindes (Geburt in Ungarn, frühe Kindheit im Thüringerland, Kindheit und Jugend als Verlobte auf der Wartburg, Heirat, Witwe, Tertiarin vom Orden des hl. Franziskus, Tod in einer Lehmhütte in Marburg). Dieser Lebensweg wird kurz umrissen und als von Gottes Walten geleitet aufgefasst, der [=Gott] die Seele zuerst des Kindes und dann der jungen Frau durchformte.
  1. „Ihre Gebefreudigkeit kannte keine Grenzen, und in Zeiten der Not und des Hungers verteilte sie ohne Rücksicht auf den Widerspruch aller Hofbeamten und Hausgenossen kraft ihres Herrscherrechts alle Vorräte aus den landgräflichen Kammern.“(5) Um ihre herzliche, freigiebige Natur mit Christus zu vereinen gemäß der Aussage „Was ihr dem Geringsten unter den Meinen getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40) vertraut sich Elisabeth – wie das übrigens auch Edith Stein tat, – in der geistlichen Leitung Gott an, im Konkreten dem Meister Konrad von Marburg. Elisabeth selbst, ihrem Mann und ihrer weiteren Umgebung war nämlich klar: „Die Stimme des Herzens gab nicht immer untrügliche, nicht immer unzweideutige Antwort auf alle Zweifel und Fragen. Man musste sich nach einem wegekundigen Führer umsehen“.(6)

So führt Stein für ihre Zuhörer und für uns heute das Leben in die Tiefe. Sie zeigt auf, wie das Leben einer Person, mag diese Edith, Josefmaria (7), Elisabeth oder sonst einen so schönen Namen tragen wie den ihren, geschätzte Zuhörerin, geschätzter Zuhörer, den sie wahrscheinlich von ihren Eltern, möglicherweise verbunden mit der Taufe, einst erhalten haben, durch die innere Gestaltung von Gott her und die äußere freie Mitwirkung der Person, geformt wird, geformt wie ein Kunstwerk. Für einen selber, für Suchende, Schwankende und Irrende, ja für eine ganze Gemeinschaft oder ein Volk kann ein solches Leben, das zur Wurzel zurückweist – Elisabeth hat den Namen wohl in Bezug auf die Cousine der Mutter Gottes getragen - zum Wegweiser dorthin werden, wo die festen und ewigen Leitsterne für ein erfülltes Leben leuchten. Uns – und gebe es [Zitat]„der Finger des Allerhöchsten, der das Leben seiner Heiligen schreibt, damit wir es lesen und seine Wunderwerke preisen“ (8) – uns und jeden an unserer Seite - kann ein solcher Weg „den sie [Elisabeth] unbeirrt und unaufhaltsam gegangen ist, zur Nachfolge aufrufen in der gilt und möglich wird: Von der Unnatur zurück zur Natur – über die Natur hinauf zur Übernatur“.(9) [Zitat Ende]

Der Versuch, eine kleine Hinführung zum Wirken Edith Steins in Wien 1931 und 2011 zu geben, möge nicht ganz gescheitert sein. Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.

Salzburg, am 12. Sep. 2011

(1)  Vgl. Brief an Ingarden vom 14.06.1931 (ESGA 4, Nr. 150).

(2)  Vgl. Edith Stein, Lebensbild durch Schwester Theresia Renata de Spiritu Sancto, Herder Bücherei, Freiburg 61960, 71.

(3)  ESGA 2, Nr. 156, Fußnote 2.

(3)  Stein, ESGA 19, Seite 17.

(4)  Ebd., Seite 20.

(6)  Ebd., Seite 25.

(7)  Sel. Johannes Paul II., Homilie zur Heiligsprechung, 6.10.2002: „Folgt seinen Spuren und verbreitet in der Gesellschaft das Bewusstsein, dass wir alle, unabhängig von Rasse, Klasse, Kultur oder Alter zur Heiligkeit berufen sind“.

(8)  Ebd., Seite 21.

(9)  Vgl. ebd. Seite 29.


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